LDAE (2017)

Katalogtext: Antonia Rahofer

Christoph Schwarz hat einen – weiteren – Film über Christoph Schwarz vorgelegt. LDAE oder Lass die anderen entscheiden ist nicht nur der Titel dieser Videoarbeit, die 2016 im Rahmen seiner ORF-III-Residency entwickelt wurde, sondern auch der eindringliche Bestseller-Buchtitel, von dem der Filmprotagonist Christoph Schwarz vorgibt, sich dieses Akronym entlehnt zu haben und von dem die Story dieser Videoarbeit ihren Ausgang nimmt. LDAE ist abseits eines Buchtitel aber auch, und das ist entscheidend, Name und zugleich Programm einer realen – von Christoph Schwarz initiierten – Online-Community, die an diesem partizipativen Filmprojekt teilhatte. Denn die Story von LDAE dreht sich zur Gänze ums Mitmachen und -mischen: Obwohl die Filmfigur Christoph Schwarz seine Filme bevorzugt alleine entwickelt und produziert, soll dieser Film im Film mithilfe des Inputs der Online-Community gedreht werden. In 30 kurzweiligen Minuten folgen wir Schwarz’ schrittweisem Kontrollverlust seiner „Filmmaschine“. Die anfängliche Euphorie schlägt rasch in eine Katastrophe um. Aber nicht nur, weil die Community sich dafür entschieden hat, einen Film über das (Über-)Leben in einem fiktiven Wien, das an den Auswirkungen eines totalen Stromausfalls nach einem gigantischen Sonnensturm laboriert, zu drehen, sondern weil die Figur Schwarz letztendlich aus seiner eigenen Filmcrew rausgeworfen wird und aus dem ambitionierten Projekt samt Online-Schnittwettbewerb letztendlich nur eine simple „Projektdoku“ hervorgeht. Zunächst blickt man Protagonist Schwarz noch dabei über die Schulter, wie er dank guter privater Kontakte zur Jury trotz verpasster Einreichfrist Aufnahme in eben jenes ORF III Residency-Programm findet, im Rahmen dessen die Videoarbeit entwickelt wurde. Und das ist nicht die einzige Parallele zwischen Film und Film im Film, die die Konzentration der Zusehenden herausfordern. Aber zurück zur Story: Schneller noch als er es fassen kann, katapultiert Protagonist Schwarz sich in eine bald nicht mehr zu kontrollierende Filmproduktion, die – immer unbarmherziger – von der Online-Community diktiert, im Minutentakt neue Szenen, Drehorte und Regieanweisungen ersinnt. Flugs wird Schwarz vom Ideengeber zur Marionette seiner Community, bald Mein Schwarm genannt. In Kürze hat dieser Schwarm jedoch nichts mehr übrig für seinen Protagonisten und Initiator, sondern distribuiert ihm vielmehr sein Tun, bis er ihn in letzter Konsequenz ganz abschafft. Ab diesem Zeitpunkt geht es nur mehr um Schadensbegrenzung.

Die Entstehungsgeschichte dieses Filmprojekts wird in LDAE aus der Rückblende und mithilfe der Off-Stimme des Ich-Erzählers dargeboten und referiert so auch auf struktureller Ebene auf den Film im Film und dessen finaler Aufmachung einer „Projektdoku“, von der man letztendlich nur einzelne  verschwommene Einstellungen auf dem ausreichend entfernt platzierten Fernsehbildschirm der beengten Garderobe des Fernsehsenders sehen kann, in der Schwarz nervös auf einen Interview-Termin wartet. Jeweils den Prozess der Filmentstehung abzubilden und zu thematisieren, ist eine weitere Ebene, die das Endprodukt LDAE mit seinem Film im Film verbindet – und dies stets mit Augenzwinkern. Dieses Garderoben-Hinterzimmer ist der konzeptuelle Ausgangspunkt jener Erzählebene, von der die Off-Stimme ihre Retrospektive entfaltet und der Endpunkt, an dem alle Handlungen und Geschehnisse zusammenlaufen. Wenig verwunderlich demnach, dass im Fernseher ausgerechnet die Live-Ausstrahlung des Films im Film läuft, während das Fernsehpublikum LDAE im selben Moment in seiner Live-Ausstrahlung konsumiert. Dies ist nur ein Beispiel, in dem die LDAE-Katze sich mit Vergnügen selbst in den Schwanz beißt.

Doch: Wer ist wer und was ist echt? Schwarz bringt unterschiedliche Erzählebenen und Verweissysteme, die den Graubereich zwischen Fiktion und Realität vermessen, geschickt in Stellung. Gekonnt setzt er reale KollegInnen des Wiener Kunst- und Kulturbetriebs in Szene und verwirrt und verhindert damit strategisch einen klaren Blick auf die Frage nach Authentizität. Mit wieviel „echtem“ Christoph Schwarz wir es hier zu tun haben und wo seine Kunstfigur auf den Plan tritt, bleibt dem Urteil der Zusehenden überlassen und wirft diese damit unweigerlich auf die eigenen Sehgewohnheiten und Erwartungshaltungen an dokumentarische Strategien zurück, mit deren gezielter Unterwanderung und Ausreizung der Künstler und Filmemacher souverän jongliert.

Mit präziser Dramaturgie, Fingerspitzengefühl für den richtigen Ton in der erzählerischen Darbietung des Off-Textes und einer gut bemessenen Portion Sprachwitz ist es Christoph Schwarz gelungen, ein mannigfaltiges „Fernsehkunstwerk“ zu schaffen, das einen schnell verstehen lässt, dass es nicht im Geringsten mit einer Vitamin-B-Entscheidung zu tun gehabt haben kann, dass Schwarz nach seinem ORF III-Debut Der Sender schläft (2013) auch in der zweiten Staffel des Residency-Programms zu den Fixstartern der heimischen wie internationalen Film- und VideokünstlerInnenszene gehörte. LDAE funktioniert genauso abseits seines Erstaufführungsortes, des TV-Kanals, auch wenn dort dieses unbeschwert daherkommende Hin & Her der Selbstbezüglichkeit seine ideale Bühne gefunden hat. Denn Schwarz befragt nicht nur sich selbst, sondern auch die Medien und ihre möglichen Konvergenzen, an welchen er sich buchstäblich abarbeitet: Video als das Ausgangsmedium seiner künstlerischen Praxis, Fernsehen und das Netz als die Kanäle neuer Filmformate. Es ist die Überschneidung aus Institutions-, Medien- und Selbstkritik, in der die die Qualität von Christoph Schwarz’ filmisch-künstlerischem Können klar sichtbar wird. Ginge es jedoch nach der Filmfigur Schwarz, wäre solch ein Lob aber nur ein weiteres Indiz dafür, dass „sich niemand traut, künstlerische Experimente zwischen Internet, Film und Fernsehen zu kritisieren“. Begrenzen wir die Kritik hier also auf Selbstkritik. Und ein Experiment war LDAE zweifelsohne: aber ein Gelungenes.

(Antonia Rahofer)