Interview
mit Christoph Schwarz zu „Aura, Kapital und Kapitän“ (Arbeitstitel)
geführt von Daniel Bleninger, 02. Mai 2009, Weltcafé/Wien
Christoph, deine neue Arbeit trägt noch einen Arbeitstitel- wird dieser still und und heimlich zum Titel avancieren, oder findest Du doch noch einen anderen?
Stimmt schon, ich wollte mir da was offen halten, und habe mich nach und nach an den Titel gewöhnt- mir ist aber wichtig zu unterstreichen, dass die Arbeit ja erst in 25 Jahren wirklich fertig ist- dann nämlich, wenn der/die BesitzerIn der Dokumentationsbilder „Hochleithen Wald“ und „Siebenbrunner Heide“ die eingegrabenen Kisten wieder ausgraben. Insoferne ist noch ein bißchen Zeit, einen guten Titel zu finden, deswegen „Arbeitstitel“.
Okay, aber erstmal von Anfang an- worum geht es in „Aura, Kapital und Kapitän“?
Spam Mails auf Alu kaschiert wurden im Rahmen einer Expedition in dicken Schatzkisten im niederösterreichischen Erdreich vergraben. Hier spielen die derzeit grassierenden Weltuntergangsthemen – die Krise – mit eine Rolle, vielleicht ist diese archaische Lagerungsform ja letztendlich das Einzige, was von uns und der Spamkultur der frühen Nullerjahre übrigbleibt, vielleicht läßt sich der Spam von heute in 25 Jahren nicht mehr wirklich darstellen. Gleichzeitig wird diese Archivierung wie eine Schatzvergrabung inszeniert und dokumentiert. Das Besondere in jeder Handlung, die Magie des Originals wird beschworen – es ist ein Spiel mit Aura, das nicht am Ende der Ausstellung aufhört, sondern in der Beziehung zwischen dem Sammler und einem nicht greifbaren Kunstobjekt 25 Jahre auf die Spitze getrieben wird.
Wie geht das zusammen: Aura und Spam?
Durch die spezielle Beschaffung eines Spammails geht das gut! Schau mal, da ist schon mal ein gehöriges Stück Glück dabei, dass gerade dieses eine Mail es schafft, in meine Mailbox zu gelangen, von mir ausgewählt zu werden, das Medium zu wechseln und plötzlich ein Tafelbild zu sein. Ich finde, da ist schon viel mehr Magie und Einzigartigkeit dahinter, als wenn ich selbst zum Pinsel greifen würde. Aber trotzdem: das sind wegen ihrer Banalität ja Ready-Mades, von mir relative spontan ausgesucht Massenwerbesendungen. Und jetzt stellt sich für mich die Frage: Kann man diese unscheinbaren, ironischen, billigen Objekte auratisch aufladen? An diesem Prozess wirke ich durch meine Performance mit, aber der Besitzer der Arbeit ist über den Zeitraum von 25 Jahren noch viel stärker daran beteiligt. […] Zeit und unser Umgang damit ist wohl der stärkste Faktor menschlichen Lebens überhaupt.
Mir ist trotzdem noch nicht ganz klar, wie der Faktor Zeit und der Faktor Kunstmarkt hier zusammenspielen…
Es gibt Artefakte, also Nebenprodukte der Performance, aus denen 2 gerahmte Bilder entstanden sind. Dokumentarisches Material, das auf die jeweilige eingegrabene Kiste rekurrieren. Diese werden als handfester Beweis für die Existenz des jeweiligen Bildes am Kunstmarkt angeboten- man kauft also das Beiwerk, und damit aber auch die eigentliche Arbeit, diese aber nur virtuell, da realiter unter der Erde an einem Platz, den man als Käufer nicht genau kennt. Erst nach Ablauf dieser von mir willkürlich festgelegten 25 Jahren werden die genauen GPS Koordinaten der Grabungsorte dem Besitzer mitgeteilt. Bis dahin ist eben nur der ungefähre Standort bekannt, in 29,7 km Entfernung zur Galerie Frey, im Hochleithen Wald nord-östlich von Wolkersdorf und in der Siebenbrunner Heide, süd-östlich von Gänserndorf.
Was hat es mit diesen 29,7 Kilometer auf sich?
Mir war wichtig, das es einen Link zwischen den beiden vergrabenen Bildern gibt- und da die Arbeit von Anfang an für ein kommerzielles Umfeld gedacht war, fand ich es naheliegend, die Galerie als gemeinsamen Bezugspunkt zu nehmen. Die 29,7 sind als Hommage an die Deutsche Industrienorm A4 zu sehen, die auch bei 29,7 Halt macht und die 30 negiert – ist ja auch viel spektakulärer!
Ich habe das „Kapital“ im Titel ja auch als Anspielung auf den Kunstmarkt gesehen, wo Kunst oft eher als Anlageobjekte verstanden wird, und mitunter garnicht ästhetischen Vorlieben entsprechen muß, um gekauft zu werden - wieviel von dieser Denkart ist für dich in der Arbeit?
Ja, dieses Referenz war mit den Umständen „Kunstmesse“ schon irgendwie vorgegeben- ich habe die Arbeit ja explizit für die Viennafair 2009 gemacht. Ich fand es immer schon spannend, den Akt des Veräußerns von Kunst in der jeweiligen Arbeit mitzudenken- das hat in der Performance „Spamming Back!“ (Anm. gefakte Galerie, die Spammails als High Art ausstellt, in der Schwarz versucht, in Kontakt mit den „Künstlern“ zu treten, um ihnen ihren Anteil am Verkauf zu übermitteln) schon eine Rolle gespielt- eine Arbeit, auf die ich mich in „Aura, Kapital und Kapitän“ ja auch wieder beziehe, indem ich Bilder aus dieser Reihe ausgewählt habe. […] Ich wurde im Zuge der Planung dieser Arbeit ja oft gefragt, warum ich Spambilder vergrabe- und nicht andere Ready-Made ähnliche Objekte. Vielleicht war das für manche zu verwirrend, ich habe diesen Querverweis auf „Spamming Back!“ immer bereichernd gefunden, und in diesen Spam-Tafelbildern die idealen Voraussetzungen gefunden, um 25 Jahre lang im Erdreich zu schlummern- und der Gegensatz Schatzgräbertum vs. Digitalmüll hat mich auch gereizt. Aber für die Arbeit ist die auratische Aufladung und das Spiel mit der Option auf ein Kunstwerk in 25 Jahren entscheidend, und nicht die Tatsache, dass es sich um ein Spambild handelt.
Welche Kriterien hast Du für die Performance angelegt? Wieviel ist da für die Kamera inszeniert?
Georg, der Kameramann, war in seiner Funktion als „Dokumentator“ ein Teil der Gruppe, den wir ins Geschehen einbezogen haben. Klar habe ich versucht, alle wichtigen Schritte der Expedition so zu planen, dass eine Videoauswertung möglich ist- aber inszeniert ist dabei ziemlich wenig. Wir hatten ja auch wirklich schwer zu kämpfen, an einem Tag diese beiden Kisten zu vergraben. Ich habe versucht, mit allen Entscheidungen, die ich in diesem Projekt treffen musste, auf die auratische Aufladung Rücksicht zu nehmen- jede Handlung sollte nicht zufällig passieren sondern reiflich überlegt und geplant sein, ich wollte mit viel Pathos eine Stimmung erzeugen, die dann in den Kunstobjekten, den Spambildern, gespeichert ist. Ich hatte also ein Protokoll, nach dem wir vorgehen mussten, meine Mannschaft musste vor Ort ein Stillschweigeabkommen unterzeichnen. Dazu gehörte die Inszenierung im Stile einer romantisch-nostalgischen Abenteuerexpedition, die Aufteilung in unterschiedliche Kompetenzen, das Führen eines Logbuchs, eine vielleicht übertriebene Vorsicht, das pathetische Schweigen beim Runterlassen der Kisten, die Musik, die ich danach auf der Melodika spiele. Spannend war dann zu bemerken, wie diese Inszenierungen kippen können, wenn man nicht mehr im Zeitplan liegt und die Mannschaft unter Hitze, Durst und massiv vielen Fliegen leidet- wo wir dann einfach nur noch sagen, okay, lasst uns diese Scheiß Kiste vergraben uns so schnell wie möglich nach Hause fahren. Schön war auch zu sehen, wie ernst meine Mannschaft die Aufgabe genommen hat- so als ob es das natürlichste auf der Welt wäre, Schatzkisten mit Spambildern zu vergraben.
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