Interview
geführt am 13. November 2007 im Café Joanneli , Text: Daniel Bleninger
Christoph, ist die neue Arbeit jetzt eine Performance oder ein Fotoserie? Oder gar beides…
Davor muss ich wohl zuerst die Struktur der Arbeit erklären: Ich habe über einen längeren Zeitraum Spammails gesammelt, die ich gut fand. Ausschlaggebendes Kriterium war für mich die lyrische Komponente, die Sprache des Mails, sowie die graphische Aufmachung. Die schönsten habe ich vom Layout exakt nachgebaut, für die Belichtung auf 45x30 Fotoprints optimiert, und auf Alu aufgezogen. Wenn nun jemand ein Bild kauft, macht er mit mir ein Polaroidfoto, und ich schicke dieses als Mail in einer Performance gleich zurück an den/die SpammerIn, mit einem Text, der in der gleichen Rhetorik Vorschläge für eine Geschäftsbeziehung, Versprechungen auf einen Gewinn macht..
Was hat es mit der Galerie Schwartz auf sich?
Ich werde in dieser Performance zu Christoph Schwartz, zum Juniorchef der Galerie Schwartz in Wien. Schwartz ist eigentlich eine traurige Gestalt: Er fand in diesen Spamsujets genau den künstlerischen Zugang, den er immer schon gesucht hat. Schwartz behandelt die Spammer mit bestem Gewissen als Künstler und Künstlerinnen, er hat schlicht nicht verstanden, was Spam ist. Dh er sieht in diesen Mails Konzeptkunstarbeiten, die provokant und werbekritisch sind. Er käme nie auf den Gedanken, dass es sich dabei um banale Massenwerbesendungen handeln könnte. Nach und nach verzweifelt Schwartz daran, dass er seine Künstler, die er ja auch sichtlich verkaufen kann, nicht erreicht. Mir ist es aber wichtig, dass die Leute, die Spamprints bei mir kaufen, auch das dazugehörige Email samt Foto bekommen, und sich sozusagen auch einen Teil der Performance kaufen.
Was steht dann in den Mails, die Schwartz den Spammern zurückschickst?
Da stehen dann Dinge drinnen wie: Hey, ich kann deine Arbeiten mit wenig Aufwand für viel Geld verkaufen, lass uns das doch professionalisieren! Ich habe extrem viele Interessenten, schick’ mir bitte noch mehr von dem Zeug. Für die Produktion bräuchte ich aber einen Vorschuß von 200 Euro, ab dann machen wir halbe-halbe. Ich behandle den/die SpammerIn wie einen Künstler und schreibe sinngemäß, dass ich Bilder von ihm verkauft habe, und ihm gerne seinen Anteil schicken würde. Für die Bankspesen muss er aber aufkommen und so weiter. Also auf der Metaebende kommen dann wieder die Tricks zum Tragen, mit denen auch die Spammer arbeiten.
Was verstehst du unter der lyrischen Qualität bei Spammails?
Um diverse Spamfilter zu umgehen, gab es eine zeitlang den Trend, völlig zusammenhangslose Begriffe an den Anfang oder das Ende eines Mails zu hängen. Das war schon so absurd, dass es schon wieder etwas erfrischend Geistreiches hatte, so wie automatisches Schreiben bei den Surrealisten – vorallem im Zusammenhang mit den ganz trockenen und konkreten Verkaufstexten davor und danach. Der Kampf der Spamfilter gegen die Spammer ist überhaupt sehr schön mitanzuschauen. Es gibt zB die Tendenz, dass jedes Spammail einzartig von einem Programm aus vielen kleinen Bauteilen neu zusammengewürfelt wird, weil die großflächige Versendung vom gleichen Mail macht es den Spamfiltern, die oft vernetzt sind, einfach, dieses zu eliminieren. […] Und auf graphischer Seite haben wir diesem Kampf die Entstehung von Captchas zu verdanken, die Verzerrung und Verrückung von Buchstaben, damit ein Spamfilter einen Text nicht identifizieren kann.
Was ist für dich dabei der künstlerische Akt? Eher die Performance, oder die Fotoprints?
Das muss man schon als homogenes Ding sehen, als eine zusammenhängende Arbeit. Einerseits ist mir die Beschäftigung mit der Wertigkeit eines Spammails wichtig: Wenn ein Promille der versendeten Emails angeklickt werden, und davon ein Promille der Klicker etwas bestellt, dann ist Spam trotzdem ein Wahnsinnsgeschäft, weil es mit einer so enormen Streuung betrieben wird. Ein Mail allein ist also nicht einmal den Strom wert, den ein Bildschirm für seine Darstellung verbraucht. Dieses eine wertlose Mail nehme ich in den Kunstmarkt, lade es mit Bedeutuung auf, putze es heraus und kaschiere es, und plötzlich kann uns dieses Kunstwerk, in ein anderes Medium überführt, etwas über unsere Gesellschaft erzählen, über unsere Nöte, Träume, Wünsche etc. […] Hier bin ich mir aber auch der Tatsache bewußt, dass ich nicht der erste bin, der Spam in Kunstmarkt bringt: der französische Künstler Julien Bouillion hat letztes Jahr fast identische Sujets unter dem Namen „Corporate Suite“ Fotoprints ausgestellt, Dragan Espenschied hat dieselben Bilder auf seiner Website präsentiert und ein Online Voting durchgeführt, und das Spammails von Malern in Öl auf Leinwand gebracht werden, ist auch nichts neues [...] Die zweite Geschichte ist die Konfrontation mit den SpamproduzentInnen, indem ich ihnen in ihrer eigenen Sprache zurückschreibe. Das hat dann auch etwas sehr Provokantes mit dem Polaroidfoto, dass ich beim Verkauf eines Bildes von mir mit dem Käufer mache, und dem Spammer zurückmaile, so á la „Ich verkaufe den Müll, der dich mühsam ernährt, und kassiere dafür viel Geld“. Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass Spammer damit reich werden.
Was hast Du für ein Verhältnis zu Spam?
Als Künstler finde ich alle Dinge, die Teil der menschlichen Kultur sind, spannend. Und Spam ist Kultur, man kann sehr viel über unsere Gesellschaft sagen, wenn man sich unseren Spam anschaut. Als Privatperson und Hobbyaktivist halte ich diese Permanentwerbung, den Konsumzwang und die vergeudeten Ressourcen für sehr problematisch. […] Ich würde aber gerne einmal einen Spammer kennenlernen. Für mich ist das so ein romantisch-verklärter Beruf, alleine mit einem kleinen Schrottcomputer in der Garage gegen den Rest der Welt. Wenn ich dann im Supermarkt an der Kassa stehe mustere ich die Leute in der Schlange, und überlege mir, ob jemand davon ein Spammer sein könnte. Kennst Du Spammer?
Nein… gibt es hier in Österreich überhaupt Spammer?
Mit Sicherheit! Ganz bestimmt! Man muss sie nur finden! Spammer, wo seid ihr?