Interview
zu „Häupl-Schicker-Steinbauer“, Christoph Schwarz im Gespräch mit Daniel Bleninger, 19.April 2008, Shabu Bar, Wien
Christoph, was ist dein Verhältnis zu Michael Häupl? In deiner PROTOPHYSIK1 Ausstellung im November 2007 hast Du ja als Arbeitsmaterial Fotos von Ehrungen der Stadt Wien gezeigt, die Häupl übergibt - was interessiert oder fasziniert dich an diesem Mann?
Eigentlich habe ich kein besonderes Naheverhältnis zu Häupl, weder im positiven wie im negativen Sinn. Ich wurde auch nicht sozialdemokratisch sozialisiert, so daß ich hier etwas abzuarbeiten hätte. Es ist also eigentlich Zufall, dass es eine so hohe Häupl-Streuung in meinen Arbeiten gibt. Und bei Häupl-Schicker-Steinbauer könnte man ja auch bemerken, dass die meisten Mikrophone vor Rudi Schicker stehen...
Bitte erkläre doch kurz deine neue Arbeit.
Häupl-Schicker-Steinbauer ist eine Installation, eine fiktive Pressekonferenz dreier Lokalpolitiker, die zu dem Thema "Wien neu denken" drei alternative Stadtpläne von Wien präsentieren, in denen die Nahverkehrs-verbindungen komplett neu entworfen wurden. Häupl als Bürgermeister, Schicker als Planungsstadtrat und Steinbauer als Direktor der Wiener Linien wollen also irgendetwas mit der Präsentation dieser 3 Alternativpläne kommunizieren – was das genau ist, bleibt dem Zuseher selbst überlassen. Mir geht es bei dieser Arbeit grob gesagt um Machtstrukturen, Machtstrukturen die ein Verkehrsplan im Stadtraum sichtbar macht, und einer medialen Machtstruktur in Form einer Pressekonferenz.
Warum diese Ausweitung in den Raum? Wäre die Arbeit nicht auch klar, wenn Du nur die Pläne zeigen würdest?
Das war ja auch der erste Gedanke. Die schönere Geschichte kann man aber mit dieser Pressekonferenz-Situation erzählen. "Wien neu denken" ist graphisch der aktuellen SPÖ Kampagne "Wien 2010" entnommen, und wirft neue Fragen auf, wie diese Pläne zu verstehen sind. Gleichzeitig mache ich mir die führende politische Kraft der Stadt scheinbar zu Komplizen, was im passenden Rahmen natürlich auch zu Irritationen führen kann und soll.
Auch wenn Du keine Lesearten vorgeben willst, hast Du eine Erklärung für dich? Sind diese Pläne Zukunftsszenarien für den öffentlichen Verkehr?
Für mich sind das wie gesagt eher Studien von Machtstrukturen, ein Neuentwurf, um unsere Sinne für alltägliche Entwicklungen in der Verkehrspolitik zu schärfen. Der Status Quo des öffentlichen Verkehrs in Wien ist ja kein Masterplan, sondern das Resultat eines langen Prozesses, der aber auch ganz anders aussehen hätte können. Ich möchte diese anderen, potentiellen Verkehrstopographien der Stadt sichtbar machen. Ganz konkret handeln zwei Pläne ja von einer Verschiebung des effektiven Stadtkerns in derzeit unterprivilegierte Bezirke wie Margareten und die Brigittenau. […] Ich habe bei der Erarbeitung dieser alternativen Streckenverläufe aber keine professionelle Beratung von Planern in Anspruch genommen, es ging mir nicht darum, den idealen Verkehrsplan für die Stadt zu entwerfen, sondern alternative Lesearten zu präsentieren.
Du arbeitest ja gerne mit ganz alltäglichen Materialien wie Spam und SMS - wie bist Du auf die Stadtpläne gestoßen?
Ich bin seit meiner Kindheit ein großer Freund der Landkarte. Das ist ganz tief in mir drinnen, auf mich üben Karten eine große Faszination aus und haben einen hohen ästhetischen Wert. Ein Stadtplan, der nicht existierende Verkehrsverbindungen zeigt, verliert seine Aufgabe und wird auf seine ästhetische Funktion heruntergeschrumpft, was ich sehr schön finde, ich finde auch nutzlose Pläne schön. Der zweite Faktor ist meine Affinität zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich bin ja ein Autoverweigerer und trotzdem ziemlich mobil, das heißt ich fahre sehr viel mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Stadt, was meinen Blick auf den urbanen Raum natürlich stark prägt. Die öffentlichen Verkehrsmittel stellen für mich also überhaupt kein notwendiges Übel dar, sondern neben dem Rad die einzige wirkliche Fortbewegungsalternative im urbanen Raum. Und ja, ich bin Großstadtromantiker und träume von einer Stadt ohne Autos, wo Kinder auf den Straßen spielen und plötzlich wieder viel mehr Raum für alle da ist. Reclaim the streets!