Interview

Gespräch zwischen Daniel Bleninger und Christoph Schwarz zum "Kontingenzaltar",
21. April 2007 im Café Rathaus, Wien

Was unterscheidet den Kontingenzaltar von anderen Altären?

Ein Altar hat ja die Funktion, in Kommunikation mit einer transzendentalen Instanz oder Macht zu treten – dafür kann man den Kontingenzaltar eben auch verwenden. Nur soll man nicht in Verbindung mit einer höheren Macht treten, die den Menschen bei der Kontingenzbewältigung hilft, sondern direkt mit der Kontingenz selbst.

Was verstehst Du unter Kontingenzbewältigung?

Wie wir Menschen uns über nicht erklärbare Schicksalsschläge, Krankheiten, Todesfälle hinweghelfen. In solchen Situation wird ja gerne auf die Religionzu zurückgegriffen.

Die Benutzer sollen sich vor den Altar hinknien, wie du es in deiner Gebrauchsanleitung schreibst, und sich mit dem Altar beschäftigen?

Ich hab’ ja ein Objekt gebaut, dass sich benutzen lässt – da kann man nicht daneben stehen und drüber urteilen, da muss man den Altar schon ausprobiert haben, um was sagen zu können. Ich kann und will aber nicht vorschreiben, wie das Objekt dann wirken soll. Jeder Mensch hat religiöse Überzeugungen und unterschiedliche Zugänge zum Glauben.

Gut, aber du verbindest ja trotzdem eine Aussage mit dieser Arbeit – ist das Religionskritik?

Kritisch zu sein ist ja immer gut, das kann man ja im Editorial jeder Schülerzeitung lesen. Und wer in der Arbeit religionskritische Aspekte finden will, der wird das auch schaffen. Persönlich bin ich ja tief betroffen, wieviel Unsinn auf dieser Welt durch den Rückgriff auf den Willen einer höheren Macht legitimiert wird. So könnte man meinen Altar als zynische Replik darauf lesen: Religiöse Dogmen können mitunter genauso nicht nachvollziehbar sein wie die Offenbarungen des Kontingenzaltars. Genausogut kann man in der Arbeit aber frohen Mutes eine Bestärkung jeglicher Religiosität sehen: Denn Gott ist ja die Gesamtheit der Welt, nichts ist Gott fremd. Und wenn das Rauschen in einem Widerstand zufällige Zahlen hervorbringt, dann überrascht das Gott nicht im Geringsten, sondern ist Teil der Schöpfung. Die Arbeit passt auch genausogut in ein deistisches Weltbild, wo Gott als erster Beweger nicht mehr in den Lauf der Welt eingreift – wo also der Zufall super neben der göttlichen Schöpfung funktionieren kann. Tendenziell habe ich mit der Inszenierung aber schon versucht, einen neuen Zugang zu dem Punkt anzuregen, wo sonst die Religion einhakt. Deswegen auch die ausgebrannten Friedhofskerzen, die für mich eine naive Art von Religiosität verkörpern.

Die Kerzen erinnern ja eher an eine Müllhalde, und nicht unbedingt an einen Altar…

Die Rampe, an deren Ende das Kontingenzfeld, also das Lichtobjekt hängt, ist ja auch deswegen da, um diesen Friedhofsmüll zurück zu lassen. Die ausgebrannten Kerzen sind ein schönes Gegenstück zu meinen LEDs – die als Update, als neuere Version, als Religion 2.0 wenn man so will zu verstehen sind. An den ausgebrannten Kerzen habe ich einen Narren gefressen, ich glaube mit denen muss ich noch mal eine andere Arbeit machen. Normierte Gegestände der Trauerarbeit, die nach Gebrauch gleich am Friedhof weggeworfen werden. Makaber.

Wenn Du diese unterschiedlichen Lesearten wertfrei nebeneinander stellst, scheint es Dir ja egal zu sein, wie die Arbeit verstanden wird?

Die Arbeit soll als Möglichkeit gesehen werden, eine intime Beziehung zur Kontingenz herzustellen, zu den Dingen, die wir uns nicht erklären können. Ich muss bei Altären immer an „Jesus, du weißt“ von Ulrich Seidel denken (Anm. ein österreichischer Dokumentarfilm), der verschiedene Menschen vor einem Altar im Gespräch mit Gott zeigt. Hier hat die Altarsituation die Funktion einer Psychotherapie, Menschen erzählen Gott von ihrem Kummer und fühlen sich nachher leichter. Der Kontingenzaltar soll genau dieselbe Funktion übernehmen können.

Wie Du mir von der Arbeit vor ein paar Monaten am Telephon erzählt hast, sprachst Du von einem „Altar für Atheisten“?

Diese Bezeichnung war mir bald ein bißchen zu reißerisch. Und es ist im Grund genommen auch nicht ganz richtig. Menschen, die tief in einem religiösen Glauben verankert sind, könnten dem Kontingenzaltar ja ebenfalls etwas abgewinnen. Am Anfang stand bei mir ja folgende Überlegung: Atheisten und Atheistinnen sind von der Nichtexistenz eines höheren Wesens überzeugt. Glauben sie deswegen an den Zufall? Sehnen sich AtheistInnen nach einem Ritus? Wie könnten atheistische Symbole aussehen? Ich wollte also etwas bauen, was sich der praktizierende Atheist in die Wohnung hängt, wenn er Lust auf Ersatztranszendenz verspürt. Die bekommt er durch ein Objekt das sagt: Ich mache keinen Sinn.

Wie bist Du dann auf dieses Lichtobjekt mit Zufallszahlen gekommen?

Ich wollte den Zufall durch Zahlen sichtbar machen, das ist eine Manifestation die jeder versteht. Gleichzeitig musste ich stark aufpassen, um nicht in einer Casino Ästhetik zu landen. Nach ersten Überlegungen mit Punktmatrix Darstellungen von Zahlen habe ich gemeinsam mit einer Industrial Desingerin dieses Lichtobjekt entworfen. Je schlichter desto besser, weniger ist mehr, das waren so meine Prämissen. Gleichzeitig sollte es ein Stück Design darstellen, Intelligent Design, damit wären wir eh wieder beim Thema.

Du bist Stichwortgeber: Ist diese Arbeit nun Kunst oder Design?

Für mich hat Kunst die Aufgabe, Menschen zu inspirieren. Das Kontingenzfeld, also das Lichtobjekt, hat nicht die Funktion, in einer schummrigen Ecke der Wohnung zu hängen und eine lässige Beleuchtung abzugeben, sondern man soll sich damit beschäftigen. Ich sehe mich damit dann lieber in der Konzeptkunst – obwohl das LED Lichtobjekt in der Mitte des Altars an ein Stück Design erinnert.