Interview
mit Christoph Schwarz über die EUAA, Daniel Bleninger im Januar 2008, Café Prückl / Wien
Christoph, ihr habt seit 2001 an der
Realisierung der European Advertising Agency gearbeitet. Kannst Du uns, bevor
wir ins Detail gehen, kurz einmal soetwas wie die Projektstufen aufzählen?
Joe (Lucero, Anm. Projektpartner von Christoph Schwarz) und ich hatten im Herbst 2001 den Einfall, etwas mit Werbung auf Banknoten zu machen. Uns gefiel die Vorstellung, die Macht von Konzernen und ihren finanziellen Möglichkeiten auf dem dafür nahe liegenden Medium sichtbar zu machen. Das Projekt, das daraus hervorging, hieß damals dann Schill.inc: Wir haben in den letzten Wochen vor der Einführung des Euros in Österreich die Schilling-Banknoten mit leicht verschärften Werbebotschaften real existierender Firmen bestempelt. Als diese Aktion vorbei war, haben wir diese Ursprungsidee weitergedacht, und die European Advertising Agency erfunden, die neue Werbefelder wie eben zB Banknoten offensiv vermarktet. 2002 haben wir uns im Rahmen einer Lehrveranstaltung auf der Angewandten (Anm. Universität für Angewandte Kunst Wien) mit Mimikry und Fake beschäftigt, und einen Zeitplan, eine Dramaturgie erstellt, wie dieser Fake in etwa laufen könnte. Relativ bald war für uns aber klar, dass wir als Kernarbeit gerne eine Fernsehsendung hätten, die einerseits diese Liberalisierungsideen hinter der EUAA vorstellt, aber nach und nach immer absurder wird – und so auch als eigenständiger Kurzfilm funktioniert. Ab Herbst 2002 haben wir dann am Drehbuch für diesen Film gearbeitet, im Frühjahr 2003 wurde gedreht, über den Sommer geschnitten und im Herbst ein Großteil nachsynchronisiert. Die Version, die ich Anfang 2004 dann als Vordiplom auf der Angewandten gezeigt habe, wurde dann ziemlich lange liegen gelassen, aus diversen Gründen. Nach meinem Auslandsjahr in Prag war dann die Luft draußen, wir haben zwar noch versucht, erneut Fördergelder für eine komplette Fertigstellung oder Performance zu lukrieren, sind aber immer leer ausgegangen. So hat es dann eben bis Herbst 2007 gedauert, bis das EUAA Promotion Video komplett fertig war. Das Projekt EUAA ist indessen in seiner kompletten Form eigentlich nie realisiert worden.
Wie hätte denn eine
komplette Realisierung ausgesehen?
Ursprünglich war geplant, an eine kleine Öffentlichkeit hier in Österreich zu gehen und Firmen diese neuen Werbefelder schmackhaft zu machen - dh Werbeaussendungen zu verschicken, Beratungsgespräche anzubieten, auszutesten, wie weit die Wirtschaft auf diese Angebote eingeht, wie weit wir den Apparat einer EU Agentur imitieren und uns der Industrie anpassen können. Das Promotion Video hätte einerseits als Werbefilm interessierte Firmen informieren können, andererseits als Enttarnung funktioniert. Der Schluß ist ja so angelegt, dass niemand ernsthaft glauben kann, dass die EUAA in dieser Form wirklich existiert. In dieser großen Form wird das Projekt aber wohl nicht mehr aufgezogen werden, dafür ist nun einfach schon viel zu viel Zeit vergangen. Ich könnte mir aber nach wie vor vorstellen, in einem kleineren Rahmen EUAA Performances zu machen, im Idealfall in einem Wirtschaftsumfeld wie auf einer Messe für Werbung.
Wie stark wurdet ihr von
den Yes Men inspiriert?
Da gibt es auf jeden Fall jede Menge Überschneidungspunkte. 2002, 2003 waren das schon wichtige Bezüge, auch Rtmark und Ubermorgen waren interessant für uns. Als wir 2003 mit dem EUAA Promotion Video dann einen Drehbuchwettbewerb gewannen und für ein paar Tage nach Brüssel fuhren, um die Institutionen der EU kennen zu lernen, hatten wir auch irgendwie das Gefühl, dass ein EU Fake auch funktionieren konnte – der Apparat ist einfach so groß, dass man sicher für eine gewisse Zeit als EU Agentur durchgehen würde. Was hätten wir dann aber bewiesen? Dass sich österreichische Firmen für neue Werbefelder interessieren? Dass man der EU solche Innovationen wie „Die Tage der Europäischen Einheit“ zutraut, wo die Bevölkerung bewußt europäische Produkte konsumieren soll? Das wäre im Vergleich zu den Erkenntnissen, die die Yes Men zu Tage gefördert haben, relativ banal gewesen. Ich denke da nur an den Yes Men Auftritt auf einer Konferenz in Finnland, wo die die unglaublichsten Sachen sagen konnten, und niemand im Auditorium intervenierte. Die Yes Men hatten also ein Ziel, nämlich die Ungerechtigkeiten hinter weltumspannenden Organisationen wie der WTO aufzuzeigen. Wir wollten eher ein subtiles Statement abgeben gegen die Vorstellung, dass wir alle nur durch Steigerung des Konsums unsere Lebensqualität erhalten können. Das Paradoxe ist nur: Jeder Mensch würde mir dabei sofort Recht geben, dass Lebensqualität nicht mit Konsum gleichzusetzen ist, aber trotzdem spielen wir alle dieses mörderische Spiel mit.
Du hast vorher erwähnt, dass der Schluß
des Promotion Videos vor allem den Fake hinter der EUAA aufzeigen soll?
Trotzdem hat es für mich eine starke Botschaft, wenn sich der Chef der EUAA
eine Werbung tätowieren lässt. Was ist dir daran wichtig?
Für Christian Pourtaud (Anm. der EUAA Generalsekretär) steht dieses Tätowierangebot auch nicht im Gegensatz zu den Statuten der EUAA, im Gegenteil. Hier vollzieht sich auf einer körperlichen Ebene genau derselbe Vorgang wie die EUAA ihn für Firmen vermarktet. Die Käuflichkeit des Menschen ist aber immer schon ein Motiv gewesen, das mich fasziniert. Geld kann einfach jede Schmerzgrenze durchbrechen, das ist ein Punkt, der mich ungemein interessiert.
Im Vorgespräch hast Du mir erzählt, dass
Du bei keiner Arbeit bis dato soviel gelernt hast wie bei EUAA. Kannst Du das
hier nochmals genauer erläutern?
Wenn man 5 Jahre an etwas arbeitet, stauen sich Erfahrungen einfach an (lacht). Naja, die Voraussetzungen für die Arbeit waren eigentlich nicht die allerbesten. Wir haben es verabsäumt, unser Kern-Arbeitsteam in den wichtigen Arbeitsprozessen, nämlich in Planung und Postproduktion, zu erweitern, dh wir waren da personell schwer unterbesetzt. Außerdem haben wir uns von Anfang an an einer unrealistischen Deadline festgehalten, und im so entstandenden Zeitdruck einige Vorsätze opfern müssen, was uns dann in der Postproduktion einfach extrem viel Zeit, Nerven und Energie gekostet hat. Zum Schluß hat die Ebene der Zusammenarbeit intern auch nicht mehr gepasst, wo wir uns dann gegenseitig nur noch blockiert haben. Aber es gab auch positive Erfahrungen. Ich hätte es im Vorfeld zB nicht für möglich gehalten, durchwegs tolle SchauspielerInnen und SprecherInnen für das Projekt verpflichten zu können, für wenig bis keine Gage. Das hat mich in meinem Glauben bestärkt, dass sich gute Projekte oder Drehbücher immer realisieren lassen, und dass es ratsam ist, möglichst viel Zeit in die Konzeption und Planung eines Projektes zu stecken.