LDAE SSKM RMDS

Gespräch zu LDAE (2017)
Daniel Bleninger und Christoph Schwarz, ORF Kantine November 2016

Christoph, zuerst würde mich die Ideenfindung interessieren: Im Film gibt ja ein Sachbuch den Ausschlag, Entscheidungskompetenzen abzugeben. Wie war es beim Schreiben des Drehbuchs: hast Du wie so oft ganz selbstreferentiell bei der Ausschreibung begonnen, also Dich von der Programmschiene bei ORFIII Pixel, Bytes & Film leiten lassen, oder hattest Du eine instrinsische Motivation, etwas über Webcommunities zu machen?

Zuerst war die Idee da, die im Kern steht: Filmemacher dreht gemeinsam mit Webcommunity einen Film. Und weil was passieren muss, und weil ich tendentiell nicht an das Allheilmittel Partizipation glaube, muss das halt schieflaufen. Zeitgleich habe ich den Wunsch verspürt, einmal mit den Zeitebenen zu experimentieren, und dafür hat dann die selbstreferentielle Thematisierung der Aufgabenstellung gut gepasst- ich habe also die Rahmenhandlung in der ORF Garderobe ganz genau auf die Verwertung des Films, die Ausstrahlung, hingeschrieben. 

Wie schon öfters verfilmst Du einen Arbeitsprozess- entwickelst vor den Augen des Publikums ein Making-Of, und der Prozess ist das Ergebnis...

Ja, wobei bei mir am Ende ja ein handfester Film steht- kein ephemerer Prozess. Alles wird ja der Dokumentation untergeordnet, die Arbeit mit der Community fand ja nur statt, um die notwendigen Bilder für den Film zu generieren. Im Endeffekt geht es für mich immer um Geschichten. Und dabei interessieren mich weniger zwischenmenschliche Beziehungen, sondern Aufgaben, Projekte und oftmals das Scheitern an dein eigenen, hohen Erwartungen. Der Ansatz ist also immer der Gleiche: es wird von außen eine Aufgabe an mich herangetragen, ich überlege mir, was die spannendste Herangehensweise, die spannendste Form des Scheiterns wäre, und dieser Prozess wird verfilmt.

Wie funktioniert dein Arbeitsprozess genau? Wie entscheidet es sich, welche Szenen dokumentarisch gemacht werden, und was inszeniert wird? 

Ich versuche eigentlich immer, alles, was während der Drehzeit sonst so passiert, in die Handlung einzubauen. Es gab im Sommer 2016 zB zwei Anfragen für Filmpräsentationen, und in beiden Fällen, bei Frameout im Wiener Museumsquartier und im Offspace Notgalerie St. Josef habe ich den Veranstaltern dann inhaltliche Überlegungen unterbreitet, wie der Abend filmisch dokumentiert und für LDAE verwertbar werden könnte.

Hättest Du denn keine Lust gehabt, den beschriebenen Prozess selbst zu realisieren? Also mit einer Community einen Film drehen?

Ich würde das jetzt nicht komplett ausschließen, aber mein erster Gedanke ist wirklich immer der: wir machen einen Film drüber. Letzlich glaube ich schon, dass sich viele Faktoren innerhalb einer Filmproduktion vereinfachen könnten, wenn viele Menschen, mitdenken und mittun, gerade wenn es wenig Budget gibt. Aber die Schlüsselfrage ist doch: warum sollte ein Publikum das tun- warum sollte das Publikum plötzlich kostenlos mitarbeiten wollen? Klar, wenn irgendwelche Filmkapazunder oder Youtubestars mit der Idee ankommen würden, würden sich viele Unterstützer finden. Aber in meinem Fall hätte ich schon die große Sorge gehabt, dass sich kaum jemand für eine Mitarbeit begeistern würde.

Du hattest für den Film ja trotzdem eine Community in einem sozialen Netzwerk eingebunden. Wie wichtig war diese Zusammenarbeit, wie viel wurde da entschieden?

Es war mir recht bald klar, dass ich glaubwürdige Bilder einer Plattform brauche- und der amerikanische Marktführer in Sachen Soziale Medien hatte interessanter Weise zur selben Zeit das Feature "live gehen" eingeführt, dh es wäre technisch nicht mehr aufwändig gewesen, die Dreharbeiten wirklich zu streamen. Darauf habe ich aber verzichtet, auch weil ich selbst ja immer genau wusste, welche Bilder ich brauchen würde. Die Bilder der Zusammenarbeit, Diskussion und Abstimmung im Netz wollte ich aber sehr gerne komplett dokumentarisch halten, und so war klar, dass ich hier authentisches Material verwenden möchte. Dh es war vielen Menschen nicht ganz klar, was ich jetzt mache- ist es wirklich ein partizipatives Filmprojekt oder nur ein Film über ein partizipatives Filmprojekt? Es war insofern verwirrend, weil ich einige Entscheidungen ja wirklich an die Community abgegeben habe: ich konnte mich nicht zwischen zwei Offspaces entscheiden, in denen ich die Ausstellung am Beginn des Films realisieren wollte, da war es angenehm, diese Entscheidung anderen zu überlassen. Oder die Frage, wer von drei tollen Schauspielerinnen meine Moderatorin spielen soll. Aber letzlich waren die Entscheidungen kaum relevant für den Film, und ich habe in letzter Konsequenz fast alles selbst entschieden. 

Wie wichtig ist Dir, dass der Film eine Botschaft hat und dass diese mit dir als Filmemacher assoziert wird?

Ich persönlich habe die Auffassung, dass man gar keine Generalaussage über partizipative Prozesse in der Kunst treffen kann- aber ich verstehe, dass der Protagonist sehr gespalten und unglücklich über seine Situation ist. Er wird ja scheinbar überall hofiert und gelobt, für etwas, was wieder, wie er sagt nur "den Prozess abfeiert". Christoph möchte aber viel lieber einen tollen Film machen, und nicht einen Prozess in Gang gebracht haben, der ein einzigartiges Experiment geworden ist, aber kein tolles Ergebnis liefert. Er hat aber nicht die Ehrlichkeit und den Mut, sich von dem Projekt zu distanzieren, er ist eigentlich auch danach sehr passiv. So wie er durch das Filmprojekt stolpert, lässt er sich danach auch vom Erfolg treiben- das weiß er, und findet wohl deswegen so klare Worte, die er sich aber leider nur denkt.

Was hat es mit dem Akronym LDAE auf sich?

Mir war der Slogan LASS DIE ANDEREN ENTSCHEIDEN als Titel zu lang- und gleichzeitig zu platt, wenn man das schon von Anfang an so vor den Latz geknallt bekommt. Alles, was eine gewisse Phantasie des Publikums mitrechnet, wird am Ende vielschichtiger und facettenreicher. Man könnte sich ja auch denken: LDAE steht für "Lenke Du alle Entscheidungen". Das ist ja auch die Klammer- dass der Protagonist am Ende ein zweites Akronym erfindet, dass die Antwort darstellt. LDAE RMDS, Rechne mit dem Schlimmsten. Ich drehe aber schon seit zwei Jahren einen andern Film, der CSL heißt und von der Christoph-Schwarz-Loge handelt- da fande ich es sehr stimmig, diesem Film auch eine Abkürzung als Titel zu verpassen.

Warum kommen die Herren aus der Christoph-Schwarz-Loge schon in LDAE vor?

Das habe ich erst am Schnitt herausgefunden: die Loge ist ja eine wunderbare Mentoreninstanz, die glaubwürdig vermittelt, dass Christoph sich in einer Peer-Group Rat holt. Gleichzeitig handelt es sich bei meinen Kurzfilmen um eine Serie, in der sich diese Filme gegenseitig bereichern, weil sie von einander wissen. Christoph, der Protagonist in LDAE, hat ja auch noch ein Leben abseits von diesem Filmprojekt, und da trifft er sich regelmäßig mit den Jungs von der Loge. Umgekehrt wird wohl das partizipative Filmprojekt auch im Logenfilm erwähnt werden.

Du hast 2013 bereits einen Kurzfilm für die ORFIII Artist-in-Residence Reihe gedreht- wie würdest Du diese beiden Filme vergleichen, gibts da Überschneidungen?

Der formale Zugang ist ja bestechend ähnlich: im ORF Zentrum wird ein Produktionstagebuch aus semidokumentarischen Bildern aufgerollt, aus meiner Sicht erzählt. Alle DarstellerInnen spielen sich selbst, die Aufgabe, Fernsehen zu machen, wir selbstreflexiv vor den Ohren aller durchgedacht. Aber wo bei "Der Sender schläft" die Konzentration ganz auf dem ORF Zentrum als Ort liegt, ist in der neuen Arbeit die durchgehende Konstante eher die Idee der Delegation. Außerdem habe ich bemerkt, dass ich von Film zu Film stärker die Tendenz habe, die Geschehnisse und Dialoge vor der Kamera stärker in der Vordergrund zu bringen. Was früher komplett hinter der Offstimme verborgen war, tritt bei LDAE immer wieder ziemlich in der Vordergrund. Generell habe ich aber versucht, diese Verwandtschaft zwischen den Filmen zu verstärken, dh einige Elemente eingebaut, die direkt auf DER SENDER SCHLÄFT verweisen. Das ist für mich eigentlich die größte Freude am Filmemachen, die Verstrickungen und Verweise zwischen den Filmen, der Hypertext, der sich dadurch ergibt.