Klotzen am Sekundärmarkt

Interview mit Christoph Arge Schwarz zu „Veredelungsökonomie I“
geführt mit Daniel Bleninger im Restaurant Beograd, Wien IV, 24.11.2011

Christoph, kannst du in einfachen Worten das Grundprinzip hinter deiner Performance erklären?

Auf dem METAmART[1], einem alternativen, temporären Kunstmarkt im Künstlerhaus in Wien, werden von mir zu sehr günstigen Preisen Kunstwerke gekauft, und vor Ort von KünstlerInnen meiner fiktiven Galerie einem Veredelungsprozess unterzogen. Dieser konnte dabei physischer oder magisch-auratischer Natur sein, letztlich entstand durch das Veredeln ein neues Kunstwerk, das unter dem Namen meines Primärkünstlers gleich wieder dem Markt zugeführt wurde, allerdings zu signifikant höheren Preisen. Der Ort der Veredelung war ein abgesperrter Arbeitstisch, der als Bühne inszeniert wurde, mit Live-Video Ausspielung auf einen Bildschirm, so dass man den KünstlerInnen genau auf die Finger schauen konnte.

Du trittst dabei als Galerist auf?

Genau, ich habe diese KünstlerInnen unter Vertrag genommen- mit dem Kniff, dass bestehende Galerienverträge bei diesen neuen Arbeiten nicht greifen- handelt es sich doch nicht um Arbeiten, die von Null entstehen, sondern bereits auf bestehenden, hochwertigen Materialien aufbauen. Dh wir können die bekannten Erstgalerien außen vor lassen, und uns den Gewinn einfach so teilen. So wird diese Konstruktion zumindest nach außen verkauft. Intern ist natürlich klar, dass es so nicht geht, und genauso stark wie ich kommerzielles Interesse nach außen präsentiere, spielt dieser Punkt in Wirklichkeit eine untergeordnete Rolle.

Was für ein Galerist bist du?

Ich sehe mich dabei nicht als Schauspieler, der in eine Rolle schlüpft, sondern muss mich selbst nur ein wenig verbiegen: dh ich trage weder Sakko, noch fahre BMW. Ich bin ein Künstler, der die Bekanntschaften, die er in jungen Jahren gemacht hat, zu Geld machen will, und eine kluge Geschäftsidee auf einem experimentellen Kunstmarkt ausprobiert. Ich möchte damit eine ähnliche Form der Intvervention weiterführen, wie ich sie bei „785 Künstlerinnen vor mir (und das nur in Österreich!!!)“ begonnen habe: Spannungsräume schaffen, in die ich meine Persönlichkeit möglichst unverändert einbringen kann, um nur durch zwei bis drei Lügen die Situation komplett umzudrehen. Und wenn die Illusion durchgeht, wenn es kommerziellen Erfolg für die Galerie C Schwarz gibt, lasse ich es offen, ob das Spiel weitergeht. Wichtig ist mir dabei, dass sich meine „VeredelungskünstlerInnen“ nicht benutzt fühlen, sondern es jede Menge Freiräume für sie gibt, in denen sie mitspielen können. Ich habe also niemanden in den Veredelungsprozess reingeredet.

Was willst Du mit der Arbeit ausdrücken?

Ich sehe mich eher als Katalysator, als Ermöglicher, es geht um die Reibung, um den Prozess, die soziale Situation, die durch meine Intervention entsteht, und nicht um eine einzig richtige Leseart. Aber natürlich gibt es schon Vorüberlegungen. Zum ersten finde ich die Idee hinter der METAmART grandios, wenn man sie als Gesamtkunstwerk an sich liest. Wenn man diesen Marktplatz als KünstlerIn in althergebrachter Form verwendet, und die auf der Hand liegende Meta-Ebene nicht mitdenkt, sondern einfach nur Flachware zu günstigen Preisen veräußern will, dann hat man meiner Meinung nach die Idee hinter der Ausstellung eigentlich ignoriert. Wir haben also vorallem Arbeiten aus diesem Flachware Segment gekauft, und nicht Arbeiten, die sich schon lustvoll-ironisch mit der Marktsituation außeinandersetzen, dabei aber natürlich auch Ausnahmen gemacht, damit dass nicht so knallhart schwarz-weiß wird. Die Frage, inwieweit die Künstlerin das Recht auf ihr Werk verliert, sobald dieses veräußert wurde, war sozusagen dann der theoretische Köder, um ins Gespräch zu kommen.

Wie reagierten denn die KünstlerInnen, deren Arbeiten Du als Rohstoff aufgekauft hast?

Komplett unterschiedlich. Wenn es sich um Arbeiten mit einer größeren Auflage handelte, fanden die KünstlerInnen das spannend und gut. Bei Originalen waren die Reaktionen stärker, und natürlich kam es auf die Art der Veredelung an. Wenn Markus Proschek ein gerahmtes Bild hernimmt, aber nur das Glas bearbeitet, und damit beide Arbeiten relativ gleichberechtigt übereinander funktionieren, ist das für den ursprünglichen Künstler, dem Sekundärkünstler, natürlich kein Problem. Wenn das ursprüngliche Bild, wie zB bei Thomas Draschan, komplett übermalt wird, gingen die Wogen hoch. Und wenn ich mich dann hinstelle, und so tue, als ob nur finanzielles Interesse ausschlaggebend für diese Veredelung war, die eben eigentlich eine Vergewaltigung war, dann wird’s natürlich kritisch. Es ist aber schwierig zurückzurudern, und alles aufzulösen, das wäre ja so, wie wenn man einen Witz erklärt, das bringts auch nicht.

Du hast im Vorgespräch angedeutet, dass es nicht so leicht war, VeredelungskünstlerInnen zu finden. Wie war das genau?

Wie du sagst, gerade Veredelungskünstlerinnen ohne Binnen-I zu finden, war schwierig, und das war mir unangenehm, ich wollte so einen Diskurs eigentlich nicht aufmachen. Natürlich war es leichter, Künstler zu finden, die sich von vornherein auch als Performer sehen. Positiv überrascht war ich davon, dass alle es sich nicht leicht gemacht haben und viel konzeptuelle Vorarbeit geleistet wurde, um dem ursprünglichen Werk irgendwie gerecht zu werden. Ich hätte auch viel radikalere Akte der Zerstörung erwartet, aber bin sehr froh mit den Resultaten. Und umgekehrt hätte ich mir von den Sekundärkünstlern auch eine stärkere Einmischung erwartet. Denn das Setting war ja schon sehr zynisch, der Veredelungskünstler sitzt in einem bühnenartigen Setting, davor ein Fernseher, auf dem die SekundärkünstlerInnen genau verfolgen können, was mit ihren Arbeiten passiert. Eine tolle Replik kam von Karin Ferrari, der ich 3 kleine Bilder abgekauft hatte, die dann von Julius Deutschbauer veredelt wurden. Sie hat als Reaktion auf diesen Veredelungsprozess vor einem ihrer Bilder am Markt eine Jalousie befestigt, und das Bild hing so tief, dass man sich davor verbeugen musste, um es betrachten zu können.

Die neuen Arbeiten sind ja nun erzwungene Kollaborationen zwischen verschiedenen KünstlerInnnen. Was ist dabei deine Arbeit?

Eigentlich ist das ja immer die Kernfrage von solchen Performances, das war ja schon bei „Die 785 Künstlerinnen vor mir (und das nur in Österreich!!!)“ so. Es ist komplett unklar, wo die Performance anfängt und die Realität aufhört, es ist ein fließender Übergang zwischen dem was faktisch passiert, also dem, was Lorenz Seidler (Anm. eSeL, Kurator von METAmART) Sekundärmarkt nannte, also Interventionen, die den METAmART als Primärmarkt verstehen, um als Weiterverkäufer, in meinem Fall als Veredeler, Gewinn zu machen, und der Leseart, dass es sich dabei aber um ein abgeschlossenes neues Kunstwerk handelt, dass letztlich eine Performance ist, etwas Theatralisches hat, mit dem METAmART als Bühne und einer filmischen Dokumentation, die ebenfalls mehrere Ebenen hat.

Du arbeitest ja oft mit Video, welche Rolle spielt denn die Doku in diesem Zusammenhang?

Für eine Performance ist das einfach das beste Rezeptionsmedium. Es ist für mich dabei immer eine Gratwanderung, gleichzeitig der Vielschichtigkeit der Arbeit gerecht zu werden, und aber auch verdaulich zu bleiben. Und es soll ja nicht wie eine Doku-Soap wirken, bis auf eine Szene ist ja überhaupt nichts gestellt, und die Kamera war ja von Anfang an durch die Live-Ausspielung ein Teil der Arbeit. Man kann aber im Schnitt die Zusammenhänge besser rausarbeiten, was vor Ort nicht so leicht zu verstehen war. Ich habe mir auch lange überlegt, ob das Setting vor Ort nicht offensiver hätte sein sollen, ob ich daraus nicht eine Show hätte machen sollen, mit Mikro über Anlage und Soundjingles – aber letztlich wollte ich, dass meine Galerie seriös rüberkommt und sich die Intervention eher über Mundpropaganda weiterverbreitet, dass die richtigen Leute sich damit beschäftigen, und nicht das zahlreiche Publikum aufjohlt, wenn der große Künstler die Arbeit eines METAmART Künstlers zerschneidet.

Könntest Du dir vorstellen, die Arbeit auf einer echten, großen Messe zu realisieren?

Klar, deswegen ja auch der Einser vor dem Titel (lacht). Und da wäre es dann nämlich wirklich provokant. Arbeiten, die um 100 Euro veräußert werden, an denen hängt kein Künstlerinnen-Herz. Das ist also alles nur symbolisch zu sehen im Künstlerhaus. Auf einer größeren Messe wäre das dann natürlich etwas anderes, viel heikler, viel provokanter, viel gefährlicher, viel teurer, praktisch unmöglich. Nein, ich glaube, dann würde ich wohl alles faken.



[1] Der METAmART ist ein Praxistest alternativer Kunstmärkte, auf dem anhand von Marktmodellen wie „100 Euro Einheitspreis“ „1 Quadratdezimeter Fixgröße“ „100.000 Euro Konzept“ „Silent Auction“ lustvoll über neue Verkaufswege nachgedacht wird. Dabei kann die interessierte SammlerIn zu relativ günstigen Preisen Arbeiten von jungen KünstlerInnen erwerben. 16. bis 20. November 2011, Künstlerhaus/Wien, www.metamart.at