Interview

zwischen Christoph Schwarz und Daniel Bleninger über GENERATION SMS
27. Juli 2006, Gasthaus Neu-Brasilien, Alte Donau, Wien

Christoph, der Subtitel deiner Arbeit „Symphonie für 10 PensionistInnen“ suggeriert etwas Orchestrales, als ob Du mit deinen Handys soetwas wie einen dramaturgischen Bogen spannen würdest, als ob es Haupt- und Nebenstimmen gäbe, oder einen Dirigenten. Wie ist das zu verstehen?

Ich wollte ja von Anfang an nicht alleine, für sich stehende SMS Fragmente von Jugendlichen verwenden, sondern immer Dialoge, also eine Kommunikation zwischen den Menschen zeigen. Wie ich dann die Video Aufnahmen meiner PensionistInnen-Generation geschnitten habe, war das eher wie die Arbeit mit Instrumenten in einem Audio-Sequencer. Das war also weniger klassischer Videoschnitt, weil ich ja nicht nur für einen Fernseher, eine Leinwand arbeitete, sondern für 10 – also eher vergleichbar mit einer Audio-Mixing Umgebung, mit einer Partitur. Und da ist dann die Symphonie nicht mehr weit. Ich habe eben viele SMS Dialoge von mehreren PensionistInnen einsprechen lassen, und so konnte ich viele Passagen doppeln, dh. gleichzeitig abspielen. Oft laufen ja auch mehrere Dialoge gleichzeitig, das sind dann aber nicht irgendwelche, zufällig ausgewählte Texte, sondern Texte, die auch gleichzeitig aufeinander Bezug nehmen, zB weil sie ähnliche Themen behandeln.

Wie hast Du dich bei der Auswahl der Themen verhalten?

Ich habe den SchülerInnen zuerst genau erklärt, was ich machen will – und sie dann gebeten, selbstständig zu entscheiden, welche Texte aus ihren SMS Archiven spannend für ihre Großeltern wären. Spannend ist wohl das falsche Wort, eher überfordernd. Dh ich habe keine Themen eingefordert, und auch bei meiner Entscheidung, welche Texte ich von den PensionistInnen lesen lasse, zuallererst Wert auf die sprachliche Eigenständigkeit und Innovation gelegt. Mit den Themen habe ich mich erst wirklich am Schnitt befasst.

Wie findest Du die Themen, die in den SMS Texten so behandelt werden?

So spannend und kreativ ich die sprachliche Ebene dabei finde, inhaltlich geben die Texte weniger her. Vorallem die Variation ist sehr eingeschränkt: Am allerwichtigsten ist natürlich die Kommunikation innerhalb der Beziehung, und schulische Themen. Sehr oft handelt es sich auch einfach nur um einen Medienwechsel, dh. es wird ausgemacht, sich im Chat zu treffen, sich bald anzurufen und so weiter. „Hallo my sweetbaby, wie gez da?“ finde ich sprachlich schon sehr interessant, aber inhaltlich…. ja, Platitüden, Gemeinplätze, Small Talk. Aber darum geht’s ja auch garnicht. Was der Durchschnittspensionist so von einer Parkbank zur anderen ruft ist wohl auch nicht interessanter. Alltagssprache, sprachlich interessant, inhaltlich banal.

Wie haben die beteiligten Generationen denn darauf reagiert, wie du das Projekt vorgestellt hast?

Zuerst gab es das Feedback der Jugendlichen, die das in den meisten Fällen cool fanden, ihre Sprache von den Großeltern interpretiert zu bekommen. Aber, ganz ehrlich, jede Abwechslung die in den Schulalltag kommt, wird dankbar angenommen. Ich hätte wohl auch eine Umfrage über die Akzeptanz von interaktiver Medienkunst in der Mongolei machen können, und die Kids hätten begeistert mitgemacht. Schwerer war es da eher, die Großelterngeneration zu motivieren.

Du wolltest ja ursprünglich die Texte der Jugendlichen im Altersheim interpretieren lassen?

Ja, aber das hat nicht funktioniert. Entweder ich hatte einfach nur Pech, oder die PensionistInnen im Wohnheim sind einfach schon zu alt für solche Spompanadeln. Ich hab’ das Projekt einmal als „Generationsübergreifendes Lesetheater“ in einem Wohnheim vorgestellt, und die PensionistInnen haben zwar über die mitgebrachten SMS Texte gelacht, aber sich nicht vorstellen können, an dieser Verhunzung der deutschen Sprache mitzuwirken. Die 10 PensionistInnen aus meinem erweiterten Freundeskreis haben sich hingegen allesamt gerne zu Verfügung gestellt, sich sehr interessiert an den Codes der Jugendlichen gezeigt und sich mit mir über die Veränderung der Sprache unterhalten. Das war für mich dann spannend, zB alte Wörter aus dem Wienerischen zu lernen, wie das „Gouvernant“, der Fahrradlenker. Ich mag das Wienerische ja sehr gerne, gerade diese aus dem Französischen übernommenen Begriffe.

Die Arbeit hat ja zweifellos eine stark soziale Komponente, ist aber trotzdem als Skulptur alleine schon sehr schön anzusehen. Ist das für dich wichtig, dass ein Kunstwerk unterschiedliche Ebenen zur Rezeption anbietet?

Naja, ich bin natürlich froh dass ich aus einer sozialen Erfahrung heraus noch eine Skulptur zusammengebracht habe. Im Kunstbetrieb hat man es natürlich viel leichter, wenn man nicht nur Leseabende in Altersheimen veranstaltet, sondern am Ende des Tages auch ein Kunstwerk hat, das man wo hinhängen kann und die Leute bleiben schon mal stehen nur weil es lässig ist, 10 Handys auf einem Haufen zu sehen. Ohne die sprachliche Ebene wäre die Arbeit natürlich nichts außer einer besseren Plattform um in einem Handyshop Werbevideos auf mehreren Screens gleichzeitig zu zeigen.

Was ist für dich soziale Kunst?

Für mich ist Kunst generell immer dazu da, gesellschaftliche Prozesse in Gang zu bringen. Soziale Kunst sind dann Projekte, die sich noch stärker als andere dem zwischenmenschlichen Leben widmen.

Welche gesellschaftlichen Prozesse willst Du mit der Arbeit auslösen?

Na, das war ja jetzt aufgelegt. Also, wenn zB Eltern plötzlich draufkommen, dass ihre Kinder über ein beträchtliches Sprachpotential verfügen, oder Deutschlehrer inspiriert werden, Projekte zur Förderung eines kreativen Sprachgebrauchs zu initiieren, anstelle von deutscher Klassik, dann fände ich das schon super. Außerdem hat die Arbeit etwas von einem Zeitdokument. Ich stelle mir nur vor, wenn man sich das in 50 Jahren anschaut, uralte Mobiltelephone und in denen sprechen schon ewig lang tote Mensche Texte von PensionistInnen, die die in ihrer Jugend geschrieben haben – in einer ganz antiquierten Art und Weise.

Gab es schon ein Feedback der texproduzierenden SchülerInnen?

Nein, leider noch nicht. Ich werde die Arbeit wenn alles gut noch dieses Jahr in der Schule zeigen – da bin ich schon sehr gespannt, das Feedback der SchülerInnen ist mir eigentlich wichtiger als das Feedback in einer Ausstellung. Stichwort soziale Kunst, die Arbeit übernimmt ja die Funktion, den SchülerInnen einen Blick von außen auf ihre Sprache zu ermöglichen. 

Danke für das Gespräch!
Danke für das Gespräch!