Der Kontingenzaltar
Transzendenzerfahrung für Atheisten (2007)
Installation – LED Lichtobjekt aus Polystyrolkoben, Friedhofsmüll
Der Kontingenzaltar bietet Kontingenzbewältigung ohne den Rückgriff auf eine transzendentale, religiöse Instanz. Die Benutzer können durch mehrminütige Konzentration auf ein Lichtobjekt, das echte Zufallszahlen ausgibt, direkt mit Kontingenz (verstanden im philosophischen Sinne für Zufall als schicksalshafte Notwendigkeit) in Kontakt treten, ohne auf einen erklärendenen, sinnstiftenden Mittler zurückgreifen zu müssen. Kann man als Atheist eine transzendentale Beziehung zum eigenen Nicht-Glauben eingehen? Hat der Zufall in einem wissenschaftlich-deterministischen Welterklärungsmodell einen Platz bzw kann es Zufall aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt geben? Kann für den Zufall eine rituelle Symbolik entwickelt werden? Ist der Glaube an den Zufall auch der Glaube an eine höhere Macht?
In Aufbau und Präsentation ist der Kontingenzalter einem christlichen Altar nicht unähnlich: am Ende einer schlichten, gemauerten Rampe (200x80cm) befindet sich das Kontingenzfeld, ein 50 x 25cm dimensioniertes Lichtobjekt das aus 35 von innen beleuchteten und abgeflachten Polysteriolpyramiden besteht, mit denen in zufälligen Zeitabständen zufällige Zahlen dargestellt werden (~ alle 10 Sekunden eine Zahl im Bereich zwischen 00 und 99 - diese Zufallszahlen sind sogenannte „echte Zufallszahlen“ und werden physikalisch durch das Rauschen in einer Diode generiert).
Der Kontingenzaltar kann als Gegenentwurf zu einem traditionellen Religionsverständnis gelesen werden: Der Religion als Sinngefüge, in deren Heilsbotschaft alles in der Welt Teil eines göttlichen Plans ist, wird ein irrationales Modell entgegengesetzt, das die Zufälligkeit der Welt als zentrales Glaubensmotiv positioniert. Unterschiedliche religiöse Überzeugungen führen zu unterschiedlichen Lesearten der Installation. Als Atheist wird man aufs Glatteis geschickt, wenn man dem Zufall eine gewisse Art von Glauben entgegenbringt, als gläubiger Christ fühlt man sich möglicherweise in einem deistischen Weltbild bestätigt.
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Fotos: Joe Lucero, Karolina Horner
Dank an: Sofie Strasser, Martin Lenz, Barbara Brunnhuber, Sophie Ertel, Patrick Strasser, Robert Hoffmann, Hanna Schwarz, Dimitrije Lawroff, Philipp Tiefenbacher, Geutebrück Consulting, Oles Zupnik, Georg Geutebrück