Aura, Kapital und Kapitän (Arbeitstitel)
Performance / Video / Collage © 2009
Spam Email Prints aus der Serie II des „Spamming Back / Galerie Schwartz“ Projekts (45x30 auf Alu kaschiert, © 2007/09) wurden am 19. April 2009 in hölzernen Schatzkisten an zwei unterschiedlichen Orten inmitten der unberührten Natur Niederösterreichs in knapp 2 Meter Tiefe vergraben. Artefakte dieser Performance wurden danach zu einer Collage zusammengefaßt und am Kunstmarkt (Vienna Fair, Galerie Frey) angeboten – die Käufer der Dokumentationsbilder „Hochleithen Wald“ und „Siebenbrunner Heide“ erwarben damit das Recht, die jeweilige Schatzkiste samt Kunstwerk nach Ablauf von 25 Jahren wieder zu heben – denn erst dann werden die dafür notwendigen GPS Koordinaten weitergegeben werden.
Inwieweit kann der Begriff der „auratischen Aufladung“ hilfreich sein, um die Veränderung zu beschreiben, die ein Kunstwerk durchläuft, wenn es als virtueller Gegenstand auf dem Kunstmarkt gehandelt wird, dabei aber eigentlich im niederösterreichischen Erdreich schlummert und erst nach Ablauf von 25 Jahren als Kunstwerk fertiggestellt ist? Oder ist der performative Akt der Vergrabung selbst der größere Teil der Arbeit, und die Abwesenheit des eigentlichen Kunstobjekts beim Kauf dabei kaum Problem? Inspiriert von Vintage Werbung auf Metalltafeln, die heute zu Sammlerstücken geworden sind, deren (kommerzieller) Wert sich vor allem auf ihr Alter und eine vergangene Zeit zurückzuführen läßt, wird in „Aura, Kapital und Kapitän“ dieser Vintage-Faktor künstlich erzeugt. Der Frage, ob wir in 25 Jahren überhaupt noch die technischen Möglichkeiten haben werden, alltagskulturelle Abfallsprodukte aus der Frühzeit des Internets in seiner ursprünglicher Umgebung erfahren zu können bzw. Kompatibilitätsprobleme und nicht vorhandene Datenkapazitäten Auslöser dafür sein könnten, dass in mittlerer Zukunft ein großer Teil der heutigen Internet-Bilderwelten nur noch eingeschränkt verfügbar sein könnten, soll nachgegangen werden.
Als eintägiger Abenteuerausflug verstanden und auf Video dokumentiert, ist dieser performative Akt der integrale Bestandteil der Arbeit. Im Stile einer Abenteuerexpedition des 19. Jahrhunderts sind die Rollen innerhalb der Gruppe genau vergeben: Neben Christoph Schwarz als „Il Capitano“ besteht die Mannschaft aus einem Navigator, einer Späherin, einem Dokumentator und einem Grabungleiter- die alle streng nach einem vorgegebenen Protokoll agieren. In vielen weiteren Details wird in diesem Ausflug aufs Land Magie und romantische Bedeutungsschwere suggeriert, durch die die beiden Kisten eine zusätzliche auratische Aufladung erfahren. Aus Artefakten dieser Performance wurden die beiden gerahmte Bilder „Hochleithen Wald“ und „Siebenbrunner Heide“ produziert, ein collagiertes Sammelsurium aus Schatzkarten, Protokollen, Polaroidfotos und einer DVD, die als Dokumentation der Vergrabung des dazugehörigen Bildes auch Teil der physischen Arbeit wird – bei Ausstellung der Arbeit aber auch auf einem Monitor daneben zu sehen ist. Der Käufer eines Bildes erwirbt damit auch das Recht, nach Ablauf von 25 Jahren (dh. ab Frühjahr 2034) die Kiste samt Bild zu heben – die Beziehung zwischen Käufer und dem Dokumentationsbild, das auf das echte Kunstwerk verweist, ist wichtiger Aspekt des Projekts – einem Faktor der durch den Zusatz „Arbeitstitel“ Rechnung getragen wird.
Der Pfad, der in „Spamming Back!“ beschritten wurde, wird in „Aura, Kapital und Kapitän“ weitergeführt. Die performative Idealisierung des billigsten Objekts der Welt (einem einzelnen Spammail) zu einem respektablen Kunstwerk wird durch eine künstlich herbeigeführte, auratisch-magische Aufladung verstärkt. Während in Spamming Back! die Institution einer Galerie farbenfrohe Massenwerbemails zu Kunst und deren ProduzentInnen zu KünstlerInnen erklärte, wird in dieser Arbeit daraus ein Anlageobjekt, das seine Bewertung erst in 25 Jahren zuläßt. Ein Spekulationsobjekt, das dadurch auch gleich die Überlegungen des Kunstmarkts reflektiert, der Entwicklungspotentiale junger Künstler bei Ankäufen mitunter stärker prüft als die ästhetische Qualität einer Arbeit.
-------------------
Fotos: Georg Geutebrück
mit: Sophie Ertel / Georg Geutebrück / Stefan John / Julian Palacz
Dank an: Geutebrück Consulting / Oles Zupnik / Elisabeth Schwarz